Interview mit Kai Spriestersbach: Web Science und Googles Zukunft

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Kai_Spriestersbach
Kai Spriestersbach im Interview

Was ist Web Science und wie sieht Googles Zukunft aus? Wir haben uns Kai Spriestersbach eingeladen und uns mit ihm über beide Themen in unserem Podcast und YouTube-Kanal unterhalten.

Sorry für die Bildqualität. Leider hat uns OBS im Stich gelassen und wir mussten die Backup-Aufnahme hier hochladen.

Nochmal ein großes Dankeschön an Kai für seine Zeit!

Was genau machst du? Wie bist du zum Thema SEO gekommen?

Kai: Ich bin seit 2012 selbstständig mit einer Beratung und eigenen Projekten. Ich habe nebenher meinen Bachelor in E-Commerce an der FH in Würzburg gemacht und bin aktuell in einem nebenberuflichen Masterstudium in Web Science an der TH Köln.

Beruflich konzentriere ich mich gerade auf Online-Seminare und eigene Produkte und Projekte und berate ab und zu noch den einen oder anderen Kunden. Im März erscheinen meine drei PageSpeed & Web Vitals Onlinekurse: https://www.search-one.de/onlinekurs-pagespeed/.

Job: Wo, als was, mit welchem Team und auf welchen Portalen?

Kai: Angefangen hat alles, wie so oft, als Webmaster privater Seiten und von Online Gaming Clans. Dafür habe ich mir Webdesign und HTML beigebracht. Später auch CSS.

Während meines ersten Studiums zum Wirtschaftsingenieur habe ich als studentische Hilfskraft für die Frauenbeauftragte der FH München Webseiten programmiert und im zweiten Semester das Studium geschmissen und mich für eine Laufbahn als Web Developer entschieden.

Da es damals noch keine Ausbildung darin gab, habe ich eine auf zwei Jahr verkürzte Ausbildung zum Mediengestalter Digital in einer kleinen Multimedia-Agentur gemacht und ein weiteres Jahr dort als Media Producer hauptsächlich Flash- und TYPO3-Webseiten gebaut.

Danach wollte ich mich technisch weiterentwickeln und bin als Front-End-Entwickler zu einem Startup für Video-CMS gewechselt. Dann kam die globale Wirtschaftskrise und plötzlich hatte ich den Hut auf, für das Unternehmen Online Marketing zu machen. SEO, SEA und so …

Über SEO bin ich quasi über einen Zufall gestolpert.

Habe mir damals 1999 über freecity.de eine werbefinanzierte Gratisdomain registriert (deine-mutter.de) und die hat irgendwann 2003 angefangen, Traffic zu bekommen. Die Leute haben damals, um andere zu verarschen, in Gästebücher geschrieben und als E-Mail-Adresse und Webseite gerne irgendwas mit deine-mutter.de hinterlassen.

Dadurch hatte die Domain erstaunlich viele Backlinks und bekam darüber etwas Traffic. Da ich diese Besucher mit etwas unterhalten wollte, richtete ich eine Weiterleitung auf eine Deine-Mutter-Witze-Seite ein. Die Weiterleitung ging, wegen der Werbefinanzierung, jedoch nicht via 301 etc. und so fing die Domain in Google für „deine Mutter“ und „deine Mutter Witze“ an zu ranken. Quasi ein SERP-Hijacking by accident.

Als der Traffic 2006 vierstellig wurde, habe ich (damals mit WordPress 1.3) einen kleinen Blog aufgesetzt und alle Deine-Mutter-Witze, die ich finden konnte, dort zusammengetragen.

Auf der Suche nach Monetarisierungsmöglichkeiten bin ich dann über Google AdSense gestolpert und habe mir zu meinen 300 EUR Ausbildungsgehalt im ersten Lehrjahr ein paar Kröten dazuverdient. Die Seite von damals kann man noch heute in der Wayback-Machine bewundern: http://web.archive.org/web/20080123103216/http://www.deine-mutter.de/.

Anfang 2008 habe ich die Seite dann für 14.000 EUR an Sven Heidorn verkauft, der heute mit seiner Heidorn GmbH STERN.de/Vergleich betreibt! Der hat sie dann massiv gepusht und für Free SMS und so Kram zum Ranken gebracht, bevor sie irgendwann in der Penalty gelandet ist. Anfang 2009 hatte die Domain einen SI von 1,74 :D

Naja, jedenfalls war ich dadurch angefixt vom SEO und habe mich immer weiter eingelesen und eingearbeitet.

Aus der Kurzarbeit bei dem Video-CMS-Startup bin ich dann zu Blue Summit gewechselt, weil ein Bekannter dort arbeitete und die Firma nur 250 Meter von meiner damaligen Wohnung an der Arnulfstraße entfernt war. Ich wollte sehen, ob ich mit meinem SEO-Wissen mithalten kann und bin im gleichen Jahr auch zum ersten Mal auf der 2. CAMPIXX gewesen und habe dort die ganzen Linkverkäufer und Spammer kennengelernt :D Das war 2009.

Über einen Bekannten bin ich bei der Arztsuche Jameda gelandet. Er war einer der drei Gründer und suchte einen Inhouse SEO. Das hat mich wieder zurück in die Schiene gebracht. Jameda habe ich dann als ersten Kunden mit in die Selbstständigkeit genommen und zusammen mit drei Kumpels die Suchkraft GmbH gegründet. Wir wollten Local SEO und SEA revolutionieren, sind aber am Vertrieb bei den Kleinstkunden gescheitert.

Als meine Frau wieder aus der Reha kam, sind wir zu ihren Eltern nach Unterfranken gezogen und ich habe meinen Bachelor an der FH nachgemacht. Mittlerweile haben wir geheiratet und hier ein Haus gebaut.

Spezialisierung

Kai: Durch meinen Background als Web-Entwickler bin ich relativ schnell zum Experten in Technical SEO geworden und durch Kontakte wie Thomas Zeithaml und meinen Job bei Jameda und mein eigenes Long Tail Keyword Tool sehr fit in Sachen Long Tail SEO, Large Scale SEO und interner Verlinkung.

Linkbuilding habe ich eigentlich nur mal kurz bei Blue Summit gemacht, auf der Höhe des Linkhandels in Deutschland, auf dessen Höhepunkt Sascha Pallenberg den BasicThinking-Skandal aufgedeckt hatte (https://www.mobilegeeks.de/basicthinking-onlinekosten-gmbh-und-der-keyword-spam/). Da war ich mittendrin :D Mann, was für eine Zeit!

Mich hat es immer mega genervt, dass die inhaltlich und technisch besten Webseiten damals nicht ganz oben waren, sondern oft die mit den meisten Links. Also hab ich gelernt, diese Klaviatur auch zu bedienen – bin aber sehr froh, dass das nicht mehr so übermächtig ist wie damals.

Usability hat mich ebenfalls von Anfang an sehr fasziniert und so ist es wohl nur logisch, dass ich mich mit dem Erscheinen vom Panda Update auch mit den Themen User Experience und Nutzerdaten auseinandergesetzt habe. Das war auch der Beginn, mich mit künstlicher Intelligenz und maschinellem Lernen auseinanderzusetzen, was in meinen Vorträgen über RankBrain und BERT in den letzten Jahren mündete.

Was waren gute Erfolge (grob, keine Details)

Kai:

  • Habe 2009 unter v-seo.com das erste Long Tail Keyword Tool gebaut, noch vor Ubersuggest (http://web.archive.org/web/20091217075543/http://www.v-seo.com:80/)
  • Selbstständigkeit 2012 und bis 2019 jedes Jahr mehr Umsatz
  • Jameda Relaunch: Weichen gestellt für den Anstieg des SI von 9,7 auf über 60
  • Sichtbarkeit verdreifacht bei check24 nach einem RIESEN-Disavow / Manueller Sichtung (Penalty war Anfang 2012)
  • Etliche Domains aus Panda und Penguin geholt
  • Hab mal einen der berühmten SEO-Contests vom OMClub gewonnen, lol! „DeinContestHandy“
  • War bei „Xovilichter“ Platz 4 – GT3-Rennen auf dem Nürburgring

Wer inspiriert Dich, wem sollte man folgen oder was sollte man lesen?

Kai: Das waren so viele über die Zeit. Aktuell empfehle ich sehr den Doppelgänger-Podcast von Pip und dem anderen Phillip ;) ein Twitter-Stream hält mich auf dem Laufenden, also ich kann euch sehr empfehlen, mir zu folgen (https://twitter.com/seokai) oder meinen Newsletter zu abonnieren (https://www.search-one.de/newsletter/).

Ansonsten kann ich nur empfehlen, alles zu hören, lesen und anzuschauen, was einen interessiert. Neugier ist mein größter Antrieb und ich muss immer wissen, wie alles funktioniert!

Die Themen Googles Zukunft und Web Science

Was ist eigentlich Web Science? Warum ist dieses Thema so interessant?

Kai: Web Science ist ein relativ neues wissenschaftliches Feld, das Tim Berners-Lee, der Erfinder des WWW in 2008 gestartet hat. Die Idee dahinter ist es, dass bei der Erforschung des Internets so viele Disziplinen zusammenkommen, dass es ein eigenes Forschungsfeld braucht, das Technik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur zusammenbringt.

Und gerade dieses interdisziplinäre Denken macht mir am meisten Spaß. Nur Technik oder nur Marketing, nur Usability, UX, Produktmanagement oder nur Geschäftsmodelle bauen wäre mir zu langweilig.

Was denkst du über Googles Zukunft?

Kai:

  • Googles Suche stagniert
  • YouTube wächst
  • AI oder eben nicht
  • Wir brauchen einen „New Deal“ mit Google
  • Traffic für Content funktioniert nicht mehr
  • Kennst Du „The Four Internets“ von Kieron O’Hara und Wendy Hall?
    (https://www.cigionline.org/publications/four-internets-geopolitics-digital-governance)

    • Das erste Internet, das offene Internet aus dem Silicon Valley, spiegelt den Idealismus der Schöpfer des Internets wider, die es so konzipiert haben, dass es offen ist, mit transparenten Standards und portablen, erweiterbaren und interoperablen Daten und Software, und dass es mit dem Wachstum skaliert.
    • Europäische Nationen und die Europäische Kommission setzen sich für ein zweites Modell ein – ein „bürgerliches“ Internet, in dem Trolling und schlechtes Verhalten minimiert und die Privatsphäre geschützt werden, möglicherweise auf Kosten der Innovation.
    • China und viele andere Nationen sehen ein drittes, autoritäres Internet, in dem Überwachungs- und Identifikationstechnologien helfen, sozialen Zusammenhalt und Sicherheit zu gewährleisten.
    • Die vierte und eher kommerzielle Sichtweise, charakteristisch für die US-Republikaner in Washington, D. C., versteht Online-Ressourcen als Privateigentum, dessen Besitzer sie monetarisieren und Marktpreise für ihre Nutzung verlangen können.
  • Die Wahrheit ist, dass Google im vierten Internet existiert und sich der Ressourcen des ersten Internets bedient. Mal sehen, ob die EU, oder ggf. Apple mit ihrem Fokus auf Datenschutz und ein Apple Vault, etwas daran ändern kann und sich eher das zweite (zumindest in Europa) durchsetzen kann. Aus China haben sie sich ja bereits weitestgehend zurückgezogen.
  • Das ist aus meiner Sicht durchaus eine Chance für eine europäische Suchmaschine, aber nur, wenn ausreichend politischer Wille vorhanden ist.

Wird es in naher Zukunft ernsthafte Konkurrenz (Apple) für Google geben?

Kai: Die Frage ist doch in welchem Bereich!

General Search denke ich nicht. Eine Minderheit wird ggf. Apple, Ecosia, DuckDuckGo & Co. verwenden.

Aber in der vertikalen Suche verlieren sie seit Jahren an Bedeutung:

  • Amazon, Idealo und Co. für Produkte
  • YouTube für Videos (Glück gehabt!)
  • Aber auch IMDb, Amazon Prime, Netflix und Co. für Filme
  • Spotify und Co. für Musik
  • Pinterest, StockPhoto-Plattformen für Bilder

In Sachen Cloud-Services hängt Google massiv hinterher (AWS & Co.). Angeblich würden sie hier sogar Verluste machen, wären sie nicht selbst ihr größter Kunde. YouTube ist ein eigenes Business, dass sicher auch noch Konkurrenz bekommen wird. Zum Teil nehmen TikTok und Instagram TV YouTube bereits Nutzungszeit weg. Bei anderen langfristigen Wetten wie Self-Driving-Cars und künstlicher Intelligenz werden wir sehen, wer das Rennen macht, da ist Google sicher vorne dabei, aber die Konkurrenz schläft nicht.

Wie wird sich die Suche verändern?

Kai: Stärkere Ausdifferenzierung in immer mehr Spezialsuchen und eigenen „Produkten“ von Google – in den USA sieht man seit ein paar Wochen, wohin die Reise geht. Im Bereich Immobilienkredite haben sie ein Produkt gelauncht, bei dem man Google fast nicht mehr verlassen muss.

Dieser Trend wird weitergehen.

Wird es keine organischen SERPs mehr geben?

Kai: Die wird es auf absehbare Zeit geben, aber sie werden immer stärker von Werbung und Googles eigenen Diensten, Produkten oder geklauten Inhalten à la Featured Snippets verdrängt.

Wird SEO weniger bis gar nicht mehr relevant sein?

Kai: Das kommt darauf an, wie man SEO definiert. Solange Suchmaschinen Traffic liefern und man darauf einen Einfluss hat, wird es SEO geben. Es wird sich über die kommenden Jahre jedoch noch stärker verändern.

Ist SEO nicht schon so oft für „tot“ erklärt worden? Und trotzdem ist SEO immer noch super relevant in vielen Branchen

Kai: Richtig. Mir macht SEO auch nach wie vor mega Spaß. Aber die großen Hebel sind heute einfach andere als noch vor zehn Jahren. Damals waren es Links, heute sind es Content, Branding, Targeting, Speed, und UX.

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